La Récréation de l’Opéra

Am 19. Juni feiert »I Puritani« von Vincenzo Bellini Premiere im Opernhaus Zürich. Die Choreographin und Ökonomin Katrin Kolo lädt während der Pausen der Festspielproduktion zur künstlerischen Forschung in Form einer unerhört unsichtbaren Performance ein. Ein Gespräch mit ihr über »La Récréation de l´Opéra«:

Was hat Dich zu diesem Projekt motiviert?
Meine Faszination für den Sechseläutenplatz und für die Kunstform der Oper.

Worum geht es bei »La Récréation de l´Opéra«?
Die Opernpause nutzen und Oper mal eben neu zu erfinden.
Im Ernst: Die Oper aus ihren Strukturen und dem Haus heraus in den Alltag holen… in all dem, was Oper nicht ist, Oper neu denken und finden… kollektives Wissen und Intelligenz – kognitiv und körperlich – einsetzen und gemeinsam etwas entstehen sehen: eine unsichtbare Performance aus Alltagshandlungen.
Vor etwa 400 Jahren stellten sich Intellektuelle in Florenz die Frage, wie man die griechische Tragödie noch wirkungsvoller gestalten könnte. Die Antwort war die Oper, bis heute eine der wirkungsmächtigsten Kunstformen.
»La Récréation de l´Opéra« stellt die Frage:
Welches Potential steckt in dieser Kunstform, das wir aus unserer Zeit heraus und für unsere Gesellschaft entwickeln können?

Wie gehst Du das an?
Die Oper wird mit dem Alltag vermählt und wir beobachten, was aus dieser Hochzeit hervorgeht. Das ganze sieben Mal, wobei der Alltag jeweils ein neuer sein wird.

Wer kann mitmachen?
Alle, die zum Zeitpunkt der Performances auf dem Platz sind, werden Teil von »La Récréation de l´Opéra« und machen mit, selbst wenn sie davon nichts bemerken.
Mitforschen, die Performance bewusst mitgestalten und erleben sowie sich mit anderen darüber austauschen können alle als Récréatrices & Récréateurs. Récréatrices & Récréateurs kann jeder werden. Einfach zu einem der Vorbereitungs- oder Performance-Termine kommen. Jegliche Teilnahme ist völlig freiwillig: Einfach kommen und dann überlegen, ob Du zuhörst und zuschaust oder in anderer Form, die für Dich passt, mitmachst und auch nur so lange wie Du möchtest. Alle machen so mit, wie es für sie stimmt.

Warum sollte jemand Récréatrice & Récréateur werden?
Der Fokus liegt in den Erfahrungen der Récréatrices & Récréateurs als BeobachterInnen oder PerformerInnen und der gleichzeitigen Freiheit dabei. Gegenüber sonstigen Passanten oder Zuschauern haben die Récréatrices & Récréateurs den Vorteil, dass sie die unsichtbare Performance mitkreieren, daher ganz anders wahrnehmen und mehr ‚sehen‘ können, wobei sie völlig frei bleiben, ob,  in welcher Form und wie oft sie mitwirken. Dazu kommt das Erlebnis gemeinsam etwas zu beforschen und entstehen zu lassen. Die Récréatrices & Récréateurs kommen aus unterschiedlichsten Hintergründen und  Disziplinen, deren Zusammensetzung bei jedem Termin wechselt. Es treffen immer wieder neue und verschiedenste Menschen und Perspektiven aufeinander.

Was mache ich als Récréatrice & Récréateur?
Alle Récréatrices & Récréateurs sind Teil eines forschenden Prozesses, bei dem in den Pausen von »I Puritani« am Opernhaus Zürich eine unsichtbare Performance entsteht. In den letzten Monaten ist aus der gemeinsamen Arbeit eine experimentelle Anordnung, eine Art ‚Partitur‘ in Form von alltäglichen Handlungsanweisungen entstanden, die durch die Récréatrices & Récréateurs individuell mittels alltäglicher Bewegungen, Klänge und Texte interpretiert werden. Die Partitur wird für alle Performances identisch sein und doch wird jedes Mal etwas völlig anderes herauskommen: Eine Serie von Interpretationen und Vielzahl von Erfahrungen.

Termine:
5. Juni Nachtprobe ab 20 Uhr
12. Juni Generalprobe 18 Uhr
19. Juni Premiere 18:45 Uhr

weitere Daten:
22./25./29. Juni und 3./7./10. Juli
Die Performances finden in den Pausen der Festspielproduktion »I Puritani« am Opernhaus Zürich statt und werden während den Vorstellungen, also vor und nach den Pausen vor- und  nachbereitet.
Treffpunkt für die Récréatrices & Récréateurs ist jeweils 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn.

Am 17. Juni 17 Uhr findet die »Récréation« im Rahmen des Manifesta11 Parallel Events ‚Donate to Curate‘ einmalig andernorts und in anderem Kontext statt.

Warum ist es Dir wichtig, dass alle mitmachen können oder anders, warum arbeitest Du mit Laien?
Ich arbeite mit ‚Alltagsmenschen‘ und darin sind wir alle Profis, wobei jeder der Profi eines anderen Alltags ist. Der Unterschied KünstlerIn/Nicht-KünstlerIn fällt somit weg und niemand muss etwas beweisen. Das befreit enorm.

Wie kann ich mir eine Probe oder einen Performance vorstellen?
Proben und Performances laufen gleich ab, mit dem Unterschied, dass bei den Proben die endgültige Performance-‚Partitur‘ nicht feststeht und Verschiedenes ausprobiert wird.
Zu Beginn der Proben und Performanceabende erhalten die Récréatrices & Récréateurs grundlegende Informationen über das Projekt und das Vorgehen. Es folgen kurze Übungen, die aus Alltagshandlungen zusammengesetzt sind, also von allen ohne jegliche Vorkenntnisse mitgemacht werden können. Schliesslich werden diese zu einer bestimmten Abfolge zusammengesetzt und geübt. Das dauert in etwa 1 Stunde.
Dann gehen die Récréatrices & Récréateurs als Individualpersonen verteilt auf den Platz und beginnen mit Start der Opernpause die Partitur durchzuspielen oder beobachten einfach. Mit Ende der Opernpause, also nach 25 Minuten, verlassen sie den Platz wieder. Anschliessend treffen sich alle, die wollen, zur Nachbesprechung und Reflektion. Hierbei finden der Erfahrungsaustausch und eine Spurensicherung statt. So lässt sich die Performance nochmals aus einer anderen Perspektive betrachten sowie Erfahrungen und Erkenntnisse zusammenfügen.

Welche Rolle spielt die Freiwilligkeit in dieser kollektiven Arbeit?
In einer forschenden Arbeit lässt man sich auf ein ungewisses Ergebnis ein. Das erfordert das Vertrauen in den Prozess sowie in alle Beteiligten. Dies kann nur freiwillig entstehen und geschehen. Récréatrices & Récréateurs werden weder entlöhnt noch bezahlen sie für die Teilnahme. Die Freiheit, zu jedem Zeitpunkt selbst über die Dauer und Form der Teilhabe entscheiden zu können, ist eine wichtige Erfahrung, die wir selten im Leben haben. Es ist vermutlich der entscheidendste Parameter der Versuchsanordnung von »La Récréation de l´Opéra«, zugleich auch der riskanteste.

Kann ich die Performance wahrnehmen, ohne Récréatrice & Récréateur zu sein?
Versuch es: Lass Dich auf etwas Ungewisses ein, schiebe die eigenen Erwartungen beiseite und lass Dich überraschen. Wenn Du möchtest, kommst Du einfach zum Nachgespräch dazu und kannst Dich mit den Récréatrices & Récréateurs austauschen, ob und was Du erlebt hast.

Wie nimmst  Du in Deinem Projekt Bezug zur Oper?
zeitlich
: die Performance findet in der Pause der Oper statt, die Vor- und Nachbereitung während der Opernaufführung
inhaltlich: die Performance greift inhaltliche Aspekte der Oper »I Puritani«  auf, z.B. die Themen Hochzeit, Wahnsinn und Flucht, zusätzlich wird sie voraussichtlich an die Neu-Inszenierung am Opernhaus Zürich anknüpfen, deren Proben ich mitverfolge
geographisch: ‚Spielort‘ ist der öffentliche Platz vor der Oper
methodisch: ich arbeite mit dem Gegensatz zur Oper: in meiner Arbeit wird mit allen für alle gearbeitet… in einem möglichst hierarchiefreien Feld sowohl personell, wie in den künstlerischen Disziplinen… Mitwirkende werden nicht  von mir ausgewählt, sondern engagieren sich selbst … es gibt keine Gagen und keine Eintritte…keinen Vorhang …keine eindeutige Trennung von Zuschauern und Mitwirkenden…
personell: das Opernpublikum spielt im und vor dem Opernhaus eine wichtige Rolle
kritisch: Das Projekt funktioniert wie ein Spiegel und wirft Fragen zur bestehenden Opernpraxis auf

Welchen Bezug nimmst Du zum tatsächlichen alltäglichen Geschehen auf dem Platz?
Alle, die sich während der Performance auf dem Platz befinden, wirken mit. Die Performance wird als konstruierter Alltag in das Geschehen des Platzes hineingebaut und damit die Wahrnehmung für den Alltag auf diesem Platz geschärft.

Wie kamst Du auf »La Récréation de l´Opéra«?
»Récréation« bedeutet im Französischen die Pause, die Erholung oder auch Freizeit. Der lateinische Ursprung und unser Sprachgebrauch lässt uns dabei allerdings an ‚recreare‘, also das Neu-Erschaffen denken. Das Projekt bedient sich dieses doppelten Verständnisses und nimmt den Rahmen der Opernpause als Forschungslabor für das Neuschaffen von Oper.

Platon beschreibt mit der antiken ‚Choreia‘ – einer Einheit von Text, Musik und Bewegung – eine Methode zur Erschaffung der idealen Stadt bzw. deren Gesellschaft. Er war der Meinung, dass es in dieser Choreia ausschliesslich Mitwirkende und keine reinen Betrachter geben solle und alle Einwohner, Männer und Frauen, Kinder und auch Sklaven daran teilnehmen sollen.
»La Récréation de l´Opéra« versucht sich einer zeitgenössischen Form einer solchen Choreia und ‚Ur-Oper‘ inmitten unserer heutigen Gesellschaft zu nähern.

Erving Goffman’s ‚Flaneur-Soziologie‘ und Metaphernwelt des Theaters, des Spiels und der Sprache sind hierfür hilfreiche theoretische Unterstützungen.

Dass ich mich im Projekt auf die Oper »I Puritani« von Bellini beziehe, ist also eher ein Zufall, den ich allerdings als einen sehr glücklichen betrachte. In der Oper stehen Themen wie Flucht und Wahnsinn im Zentrum, mit denen wir uns heute wohl mehr denn je auseinandersetzen.

„Wahnsinn ist, wenn man immer dasselbe tut und jedes Mal ein anderes Ergebnis erwartet“, soll Einstein einmal gesagt haben. Der ‚Wahnsinn‘, in dem man nur noch in sich und um sich kreist,  ist eines der Kernthemen für mich.

Dein Projekt findet im DaDa- Jubiläumsjahr statt. Hat es etwas damit zu tun?
Bei der Formulierung des Projekts habe ich keinen Moment an DaDa gedacht. Bezüge dazu sind mir bzw. anderen aber dann sehr schnell aufgefallen:
»La Récréation d’Opéra« stellt den Zufall vor die Kontrolle, den Prozess vor das Resultat, es sucht etwas Neues durch das Verneinen des Bisherigen aufscheinen und entstehen zu lassen… allein das Vorhaben, eine unsichtbare Performance zu gestalten, ist wohl dadaistisch… sowie der kollektivistische Ansatz…

Danke für Deine Antworten!
Danke für Eure Fragen!

 

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